SATSANG IM ASHRAM SHREE PEETHA NILAYA

Am 5. Juli 2020 sprach Paramahamsa Vishwananda über die Kostbarkeit eines menschlichen Lebens und die Rolle des guru im Leben der Devotees.

 

Jai Gurudev allerseits!

Zuerst ein gesegnetes und glückliches Gurupurnima für alle!

Es heißt, das Leben selbst ist eines der Privilegien, die man im Leben hat. Es ist etwas vom Schwierigsten, ein menschliches Leben zu erlangen. In den shastras heißt es, dass man nach unzähligen Geburten und Toden an den Punkt kommt, an dem man dieses menschliche Leben erlangt. Obwohl es so schwer zu erreichen ist, erhält man durch die Gnade Gottes dieses menschliche Leben. Doch wofür?

Das ist sehr oft die Frage, wisst ihr. Wenn man sich die Welt anschaut, sieht man, dass die Menschen ihr Lebensziel nicht verwirklichen. Obwohl viele Meister gekommen sind – Bhagavan selbst ist gekommen – um die Menschheit daran zu erinnern, tun die Menschen nichts, auch wenn bekannt ist, wie kostbar dieses menschliche Leben ist. Deshalb ist der guru im Leben eines Menschen sehr wichtig! Der guru kommt als eine Erinnerung daran, was „Leben“ bedeutet.

Man kann das Leben wie ein Tier leben, so wie ihr es schon so viele Leben lang gelebt habt. Auch wenn ihr Menschen seid, lebt ihr dennoch ein Leben wie ein Tier, ohne ein Ziel. Ihr geht ziellos durch  das Leben. Was ihr im Leben tut, tun auch die Tiere. Auch die Tiere müssen für ihre Nahrung sorgen, auch sie haben ihre Familien. Was ist dann der Unterschied zwischen eurem Leben und dem Leben eines Tieres? Deshalb sagen die shastras, dass das Erlangen eines menschlichen Lebens eines der kostbarsten Geschenke ist, das das Göttliche, das Bhagavan gegeben hat. Aber wie kann man das realisieren? Seht, wenn wir die Welt anschauen – sie ist sehr schön! Maya ist wunderschön! Und ihr geht ziellos durch diesen Kreislauf von Geburt und Tod. Daraus gibt es kein Entrinnen. Wenn euch nicht jemand daran erinnert, werdet ihr euch immer weiter im gleichen Kreislauf von Geburt und Tod befinden. Die Rolle des guru besteht also darin, euch zu erinnern, dass ihr euch davon befreien müsst.

Während ich hier sitze, habe ich dieses wunderschöne Gemälde von König Rishabhadeva betrachtet. Ihr wisst, im Shreemad Bhagavatam, Canto 5, Kapitel 5, Vers 18 macht er eine wunderschöne Aussage: Er gibt eine Beschreibung des guru. Heutzutage sieht man in dieser Welt sehr viele so genannte gurus, nicht wahr? Allen, die ein bisschen etwas gelernt haben, hat man den Titel „guru“ verliehen. König Rishabhadeva sagt in diesem Vers: „Was ist die Qualität eines guru?“ Erstens muss der guru frei sein, was bedeutet, dass der Geist des guru nicht an diese Welt gebunden ist; er ist an das Göttliche selbst gebunden. Nur wenn der Geist des guru imGöttlichen verankert ist, kann er das Göttliche geben, nicht wahr? Wenn er einer Kartoffel anhaftet, wird er euch nur eine Kartoffel geben. Wenn der Geist an Geld hängt, dann wird er nur … nein, diese gurus werden euch kein Geld geben, sie werden euch euer Geld wegnehmen, sie geben kein Geld!

Und das sieht man heutzutage. Sie können dir Bhagavan nicht geben. Darum sagen sie: „Sei glücklich.“ Das ist das einzige, was sie dir geben können. Sie können dir nur das Glück dieser Welt geben, aber sie können dir nicht das ewige Glück geben.

König Rishabhadeva sagte, die Qualität des guru ist die Fähigkeit, einen aus dem Kreislauf von Geburt und Tod zu befreien. Dann ist man berechtigt, nicht nur guru zu sein, dann ist man berechtigt, Vater, Mutter, ein Ehemann oder ein spiritueller Meister zu sein. König Rishabhadeva berichtet von dieser Qualität, über die man verfügen muss. Wenn man sich nicht selbst aus dem Kreislauf von Geburt und Tod befreien kann, dann ist man auch nicht qualifiziert, ein spirituellen Lehrer zu sein, und auch nicht ein Vater, eine Mutter, ein Ehemann… Wer hat heutzutage diese Qualität?

Die Menschen hängen so sehr an dieser materiellen Welt, dass sie denken, dies ist das einzige Glück und es gibt nichts anderes. Doch wenn man sich die Menschen ansieht, sind sie wirklich glücklich? Nein, sie sind so voller Angst und Sorge. Sie haben Angst davor, was der nächste Tag bringen wird.

Ihr geht durch das Leben und seid über alles so verunsichert. Und darin besteht die Rolle des guru –  der guru will nicht, dass die Menschen in diesem Kreislauf von Geburt und Tod bleiben, dass sie in diesem Elend, das sie Glück nennen, herumirren! Er sagt, man muss sich davon befreien. Freiheit bedeutet nicht: „Ja, all deine Sorgen hier sind vorbei.“ Nein, es bedeutet, diesen göttlichen, glückseligen Zustand, den man in sich trägt, zu erlangen, nichts anderes. Diese Qualität ist sehr wichtig.

Wie ich schon sagte, heutzutage habt ihr so viele so genannte gurus. Man geht hin und lernt ein bisschen Yoga, und man kommt mit dem Diplom eines guru heraus. Ist es nicht so? Man lernt ein wenig und man denkt, dass man schon so viel weiß, dass man beginnen kann, andere zu lehren. Und jedermann will andere belehren, wie sie ihr Leben leben sollen, aber sie schauen nicht auf sich selbst. Wenn man sich selbst nicht retten kann, wie kann man dann jemand anderen retten? Wenn man  selbst in samsara schwimmt, in dieser Illusion schwimmt, wenn man selbst in dieser Phantasie herumschwimmt – wie kann man dann versuchen, andere zu retten? Das ist unmöglich.

Deshalb heißt es, nur jene, die die Gnade Gottes an andere weitergeben können, sind die Richtigen, um guru zu werden. Wenn man im Göttlichen zentriert ist, bedeutet das: Es gibt nur das Göttliche. Wenn man im Göttlichen zentriert ist, dann bleibt nur das Göttliche übrig. „Ihr“ seid nicht vorhanden.

Auch in der Bhagavad Gita, Kapitel 4, Vers 34, sagte Bhagavan Krishna: „Nimm Zuflucht“. Er bittet Arjuna, Zuflucht zu den Füßen des guru zu nehmen.

Zu den Füßen des guru Zuflucht zu nehmen –  aber wie kann man zu den Füßen des guru Zuflucht nehmen? Dann ergänzte Er: „Mit Ehrerbietung und Dienst am guru“. Er sagte, dass man nicht einfach „nur so“ Zuflucht nimmt und sagt: „Okay, ich habe Zuflucht genommen. Ich habe die Einweihung erhalten, und ich bin ein Devotee.“ Nein, diese Haltung, Zuflucht zu nehmen, bedeutet, man muss demütig sein. Demut wird nicht einfach so erlangt, Demut kommt aus dem Herzen selbst. Deshalb sehen wir, wenn wir auf dem bhakti-Weg über Demut sprechen, wie die Menschen einander grüßen und wie sie den guru grüßen. Sie fallen immer nieder – auf ihr Gesicht! (Ihr braucht nicht auf euer Gesicht zu fallen, ihr werdet euch verletzen…) Aber es heißt so: Mit Ehrerbietung und Dienst am guru. Es ist nicht nur Ehrerbietung wie: „Okay, ich verbeuge mich, ich werde eine Show liefern, ich zeige, dass ich mich verbeuge“, sondern es ist Dienst am guru.

Dienst am guru bedeutet nicht nur, einfach die seva zu leisten, die ihr gerade macht, nein. Es ist diese innere Transformation selbst, die geschehen muss. Dem guru zu dienen bedeutet: „Ich folge dem, was der guru sagt, wenn ich wirklich bereit bin, mich zu transformieren“. Denn heutzutage sagen die Menschen immer: „Ja, ich will mich verändern, ich will transformieren, ich will spirituell sein“, weil es schick ist, nicht wahr? Aber wenn tatsächlich eine Veränderung ansteht, ändert sich niemand wirklich. Man verändert sich für zwei Wochen, drei Wochen, und dann fallen diese Menschen wieder zurück zu ihrem „normalen“ Selbst.

Bhagavan sagte, nein, wendet euch an den guru, fragt den guru: „Wie kann ich dir dienen und wie kann ich mich ändern? Wie kann ich ein Instrument für dich sein? Wie kann ich diese Ego-Persönlichkeit, an der ich festhalte, verändern?“ Natürlich erinnert ihr euch jetzt nur an dieses Leben, aber dieses Leben ist eine Fortsetzung vieler Leben. Fragt also: „Wie kann ich das verändern?“ Wenn man diese Frage dem guru stellt, wird der guru zuerst an dieser Person arbeiten. Zuerst wird geschliffen, nicht wahr? Wenn man einen rohen Stein hat, einen Diamanten… nun, ich weiß nicht, ob ihr jemals einen rohen Diamanten gesehen habt, aber er schaut aus wie ein normaler Stein. Denn wenn ihr euch einen Rohdiamanten in der Natur anseht, ist es einfach ein roher Stein, den ihr findet. Wenn ihr nicht wisst, dass das ein Diamant ist, werdet ihr nur einen normalen Stein sehen. Aber der guru sieht etwas anderes. Er sieht: „Wie kann ich diesen Stein schleifen?“ Dann beginnt das Schleifen. An diesem Punkt stellt ihr eure Fragen. Schleifen bedeutet transformieren, den Geist selbst transformieren. Und diese Transformation wird nur durch Wissen geschehen. Wissen bedeutet nicht nur Buchwissen, Wissen umfasst eine Vielzahl von Aspekten, bei denen man lernt, diesen begrenzten Geist in einen Geist umzuwandeln, der unbegrenzt ist. Die endliche Wirklichkeit, die ihr von euch selbst kennt, muss sich ins Unendliche transformieren.

Wenn ihr sagt: „Führe mich von der Dunkelheit zum Licht“, sagt ihr: „asato mā sad gamaya, tamaso mā jyotirgamaya“, von der Unwahrheit zur Wahrheit, von der Sterblichkeit zur Unsterblichkeit. Wenn man die ganzen Vedas nimmt und sie komprimiert, drückt das allein dieses mantra aus: asato mā sad gamaya, tamaso mā jyotir gamaya, mṛtyor mā(a)’mṛtām gamaya. Könnt ihr euch das vorstellen? Wie großartig ist der yogi, wenn er die ganze Veda erschafft und sie dann verdichtet – in diesen nur drei Zeilen! Darum geht es im Leben.

Zuerst chantet ihr es wie ein mantra, nicht wahr? „Asato mā sad gamaya, tamaso mā jyotir gamaya“, „asato mā“– von der Unwahrheit zur Wahrheit. Was ist diese Unwahrheit? Was ist diese Täuschung? Diese Täuschung ist die Illusion, die man in unzähligen Leben übernommen hat. Diese Täuschung besteht darin, dass man denkt: „Ja, ich bin glücklich, hier zu sein“, oder: „Ich werde glücklich sein. Wenn ich eine Mutter habe, die keine gute Mutter war, werde ich vielleicht im nächsten Leben eine bessere Mutter haben, und dann werde ich glücklich sein. Wenn ich einen Mann habe und nicht glücklich bin, werde ich vielleicht im nächsten Leben glücklich sein. Wenn ich das in diesem Leben nicht gehabt habe, werde ich im nächsten Leben glücklich sein, wenn ich das bekomme“. Ihr seht, ihr geht ziellos durchs Leben auf der Suche nach Glück im Unglück.

asato mā sad gamaya, tamaso mā jyotir gamaya:
„Führe mich von der Unwahrheit zur Wahrheit.“
Paramahamsa Vishwananda

Wer macht euch unglücklich? Ihr selbst, nicht wahr? Ihr macht euch selbst unendlich unglücklich in dieser Illusion, und doch bittet ihr: „Führe mich von der Unwahrheit zur Wahrheit“. Und wenn der guru erscheint, um euch die Wahrheit zu lehren, ist das erschreckend. Denn die Wahrheit bedeutet, dass ihr alles, was ihr wisst, alles, was ihr glaubt, über euch selbst zu wissen, alles, was ihr gelernt habt, loslassen müsst, damit ihr wieder mit neuen Werten, mit einem neuen Verständnis erfüllt werdet. Das ist es, was der erste Teil dieses Mantras bedeutet: „Führe mich aus der Unwahrheit heraus“. Diese Welt ist wunderschön, und jeder Teil dieser Welt hat die Macht von Bhagavan selbst, aber nehmt ihr   diese Macht von Bhagavan wahr? Ich würde nicht sagen, dass es eine Illusion ist, es ist eine Illusion, die euren Verstand besetzt, sodass ihr die Realität, die hinter allem liegt, nicht wahrnehmt. Deshalb sagt Bhagavan in der Gita: „Meine Devotees nehmen Mich überall wahr, in allem.“

Was ist dieser Zustand eines Devotees? Etwas zu wissen ist eine Sache, und es zu realisieren eine andere! Jemanden von der Unwahrheit zur Wahrheit zu führen – das ist eine Reise; das ist eine Lebensreise. Es sind nicht nur Worte, die man ausspricht. Möchtet ihr aus dieser Unwirklichkeit heraus in die Wirklichkeit gehen? Das ist euer spiritueller Weg, den ihr eingeschlagen habt, und der guru ist da, um euch daran zu erinnern. Aber möchtet ihr ständig daran erinnert werden? Es ist beängstigend, nicht wahr? Jemand sagt: „Nein, du lebst ein Leben, das nicht real ist“. Doch was würdet ihr sagen, von eurem Standpunkt? „Nein, nein, nein, es ist sehr real. Ich liebe mein Leben.“ Aber es ist eine andere Wirklichkeit. Eure Wirklichkeit basiert auf einer begrenzten Realität. Eure Realität beruht nur darauf: „Ja, heute bin ich hier glücklich, morgen bin ich nicht glücklich, übermorgen bin ich glücklich…“ Das ist der Jo-Jo-Effekt, nicht wahr? Ihr lebt mit diesem Jo-Jo-Effekt. Ihr alle geht da durch. Einen Tag findet ihr sehr schön, ihr seid selig: „Aaah, sehr nett“, und das nennt ihr Glückseligkeit, doch morgen ist diese Glückseligkeit verschwunden. Das will der guru nicht; er will, dass ihr in einem glückseligen Zustand seid.

Deshalb heißt es im nächsten Vers: „Führe mich aus der Dunkelheit ins Licht.“ Es ist kein Schalter, wisst ihr, wie ein elektrischer Schalter, den man an- und ausschaltet! Es ist die Dunkelheit der Unwissenheit, die ihr angesammelt habt.

Bhagavan sagte, man soll nachfragen. An dieser Stelle ist Wissen wichtig. Natürlich kann der guru mit einem Fingerschnippen alles geben, aber könntet ihr damit umgehen? Nein, das könntet ihr nicht! Das sage ich euch aus Erfahrung. Wenn Menschen ihre Denkweise nicht transzendiert haben, wenn sie das, was sie zu wissen glauben, nicht losgelassen haben, um ihre Grenzen zu überwinden, werden sie niemals mit dem umgehen können, was der guru ihnen geben kann. Deshalb kommen viele auf den spirituellen Weg und viele verlassen ihn auch wieder, weil sie nicht mit dem Licht umgehen können. Wisst ihr, jeder denkt: „Ja, ich kann mit dem Licht umgehen“, so wie Arjuna zu Krishna sagte: „Ich möchte Deine großartige Form sehen, und ich möchte…“ Doch als er diese erblickte, was war seine Reaktion? Er war geschockt. Er kam mit dem Licht von Bhagavan nicht zurecht; er konnte mit dieser Realität nicht umgehen.

Das Gleiche geschah im Leben von Jesus, als Petrus große Worte gebrauchte und sagte: „Ja, ja, ich habe Vertrauen, ich komme zu dir.“ Jesus sprach: „Okay, komm, steig aus dem Boot und gehe auf dem Wasser.“ Was geschah dann? Petrus stieg aus dem Boot, er stand auf dem Wasser, aber dann begann sein Verstand zu rattern, Angst ergriff seinen Geist, und er begann zu sinken. Jesus sei Dank – Er war da, um ihn zu halten, sonst wäre der arme Kerl ertrunken! Aber seht – es ist das Gleiche: Die Menschen ertrinken in dieser illusorischen Welt, die sie Glück nennen, und der guru kommt, um sie zu befreien und sie aus diesem „Glück“ herauszuholen. Sie sind in ihrem eigenen Kokon, sie sind glücklich damit, und sie fühlen sich sehr zufrieden mit ihrem Leben. Wenn du die Menschen fragst: „Wie ist dein Leben?“, wirst du sehr oft hören, dass sie sagen: „Oh, wir sind glücklich in unserem Leben. Wir sind zufrieden mit unserem Leben.“ Die Menschen haben also diese illusorische Welt um sich herum aufgebaut und denken, dass sie glücklich sind, aber wenn die Wirklichkeit hereinbricht, dann sieht man, dass sie nicht wirklich glücklich sind. Sie erkennen selbst, dass sie nicht wirklich glücklich sind. Sie befinden sich in dieser Illusion, sie haben diese Unwissenheit in ihrem Geist, und so fehlt es ihnen an wahrem Wissen. Wenn der guru kommt, wird er dieses Wissen geben, aber sie müssen es annehmen und versuchen, es in die Praxis umzusetzen.

Dann: „… von der Sterblichkeit zur Unsterblichkeit.“ Wie viele Menschen wissen wirklich über sich selbst Bescheid? Selbst auf dem spirituellen Weg wissen nicht so viele Menschen über sich selbst Bescheid. Sie wissen das, was der Verstand diktiert. Sie wissen, dass jemand hier lebendig ist und jemand anderer tot, Ende. Aber Bhagavan sagt: „Nein, ihr seid unsterblich, ihr seid das atma.“ Also, wen würdet ihr „ich“ nennen? Wenn ihr eure Datei, die in eurem Brahma-nadi  ist, „herunterladen“ würdet – darin befindet sich der gesamte Speicher, eure „Festplatte“. Wenn ihr sie heruntergeladen habt, würdet ihr schockiert darüber sein, wie viele Namen, Formen und Leben und wie viele Aspekte ihr hattet. Welche davon könnt ihr als „eure“ bezeichnen? Hm? Welcher davon seid ihr? Wer seid ihr?

Es gibt nur eine Realität, die ihr seid, und jenseits des Vergänglichen, das ihr als „ich“ bezeichnet (der Aspekt, den man im Äußeren sieht), offenbart sich diese Wirklichkeit allein als Er.

Deshalb spricht Er in Vers 34 des Kapitels 4 der Gita über die Ehrerbietung und den Dienst am guru und über die Frage: „Wie kann ich mich retten?“ Aber wenn man nachfragt, muss man auch bereit sein, das zu empfangen, was der guru gibt und nicht nur dasitzen und nachfragen und es immer wieder einlagern. Das habt ihr schon viele Leben lang getan. Nein, wenn ihr nachfragt, müsst ihr bereit sein, zuzuhören, euch den Herausforderungen zu stellen und bereit sein, euch zu transformieren und eure Begrenzungen zu überwinden. In diesem Vers sagt Bhagavan weiter, dass der guru die höchste Realität gesehen hat, der guru verweilt in dieser höchsten Realität, und er will geben, und er wird geben, aber er wird nur geben, wenn man dazu bereit ist.

So wie Kapitel 11 der Bhagavad Gita, wo Arjuna sagte: „Wenn ich dazu bereit bin, enthülle mir bitte Deinen wahren Aspekt“. „Ich bin bereit, dies zu sehen, ich bin erpicht darauf, Dich in Deiner allerhöchsten Wirklichkeit wahrzunehmen, aber sieh zuerst, ob ich bereit bin.“ Auf die gleiche Weise macht der guru einen bereit. Wisst, die Transformation muss auf vielerlei Arten geschehen, um diesen begrenzten Geist in einen Geist der Grenzenlosigkeit zu verwandeln – von einem Verstand, der in der Illusion verankert ist, in einen Geist, der göttlich ist. Das ist die Qualität des guru, er ist bereit, die höchste Glückseligkeit zu schenken, er will sogar Bhagavan offenbaren, Bhagavan den Menschen, den Devotees geben, aber man muss dafür bereit sein, für Ihn bereit sein. Und die Rolle des guru besteht darin, einen bereit zu machen und einem das Wertvollste zu schenken, das er besitzt.

Wisst ihr, heutzutage gehen die Menschen zu gurus und sagen: „Bitte, mach mich glücklich, ich möchte dieses Haus haben…, ich bete jeden Tag zu dir, bitte gib mir einen Ehemann…, bitte gib mir eine Ehefrau…, bitte gib mir Kinder…, bitte gib mir…“ Alle suchen nach begrenztem Glück, indem sie denken: „Wenn ich diese Sache habe, werde ich glücklich sein.“ Vor einigen Tagen schrieb mir jemand und sagte: „Guruji, ich habe alles in meinem Leben, aber eines habe ich nicht: Glück. Und ich weiß nicht, wie ich glücklich sein kann.“ Seht ihr? Wie viele Dinge habt ihr in eurem Leben? Ihr sammelt so viele Dinge an, wisst ihr!

Und so habt ihr die Einstellung, dass es nie genug ist. Man muss dies haben, man muss jenes haben, man muss dieses Ding besitzen, um glücklich zu sein, aber am Ende sieht man, selbst wenn man so viele Dinge hat – wo bleibt das Glück? Ich spreche nicht von dem Glück, das lautet: „Heute bist du glücklich, morgen bist du nicht glücklich“, nein, ich spreche von einem Glück, das nie endet. Man wird von Tag zu Tag glücklicher.

Und wir sind noch immer bei der Lektion dieser Pandemie, wo man den Geisteszustand der Menschen beobachten kann. Auf einmal machen all die Dinge, von denen sie glaubten, sie machen glücklich, nicht mehr glücklich, denn da ist die Angst, das Leben zu verlieren! Was einen wirklich glücklich machen wird, ist die Erkenntnis, dass das Leben das Wichtigste ist. Aber dennoch will das niemand begreifen. Wenn ihr auf dem Sterbebett liegt, werdet ihr dann sagen: „Ah, jetzt will ich gehen und das Leben leben?“ Traurigerweise ist dies in dieser Welt Realität – dass die Menschen erkennen, dass sie das wertvollste Geschenk, das sie hatten, verschwendet haben, nämlich diesen Moment. Sie haben in ihrem Leben Zeit vergeudet. Auf dem Sterbebett blicken sie zurück: „Was habe ich erreicht? Ich habe nichts erreicht. Ich habe mein Glück auf einen Mann, eine Frau, Kinder … gesetzt.“ Aber wenn man im Sterben liegt, ist niemand mehr bei einem. Wenn ihr Glück habt, ist jemand da und chantet den göttlichen Namen für euch, aber wenn nicht, sterbt ihr allein. Doch der guru ist immer da.

„In dem Moment, in dem ihr in diese Welt geboren wurdet, beim ersten Atemzug, den ihr gemacht habt … seid ihr bereits ,verlinkt‘, ihr habt diese Verbindung zum guru.“
Paramahamsa Vishwananda

In dem Moment, in dem ihr in diese Welt geboren wurdet, beim ersten Atemzug, den ihr gemacht habt – ob der guru nun hier im physischen Körper ist oder nicht – seid ihr bereits ,verlinkt‘, ihr habt diese Verbindung zum guru. Der guru ist immer da gewesen, ob ihr euch seiner bewusst wart oder nicht, aber er hat mit liebenden Augen auf euch geschaut, auch wenn ihr es nicht bemerkt habt. Und wenn ihr bereit wart, hat euer atma gerufen und euch direkt auf diesen spirituellen Weg gebracht. Aber es hat euch nicht auf den spirituellen Weg gebracht, nur um euch einen Tilak auf die Stirn zu malen und zu sagen: „Ja, ich bin ein Devotee“, und euch schick anzuziehen. Nein, darum geht es nicht. Er hat euch auf diesen Weg gerufen, damit ihr euch transformieren könnt; damit ihr nicht durch eure eigenen Ansichten eingeschränkt werdet, sondern damit ihr euch wieder in euer göttliches Selbst verwandelt. Man muss nicht sterben, um göttlich zu werden. Die Menschen glauben, dass sie göttlich werden, wenn sie tot sind, und warten darauf. Nein, wartet nicht darauf, ihr müsst in diesem Leben selbst göttlich werden! Ein anderes Wort für  „Devotee“ ist „göttlich“, wisst ihr? Wenn ihr göttlich seid, verwandelt ihr euch in diese Liebe; ihr verwandelt euch in diesen göttlichen, glückseligen Zustand. Das ist es, wofür „Devotee“ steht. Das ist es, was Bhagavan sagt: „Wo auch immer Mein Devotee ist – Ich bin bei ihm“.

Also: „Ich bin bei ihm“. Glaubt ihr, dass Bhagavan ein unglücklicher Gott ist? Nein, Er ist ein glückseliger Gott! Wenn wir „Ranganath“ sagen – ihr wisst, Er ist derjenige, der immer fröhlich und glücklich ist; „Vitthala“ – der Sorgende. Allein das Wort „Vitthala“ hat viele Bedeutungen. Die erste Bedeutung ist: der Gott des Glücks, derjenige, der versorgt. Tukaram sagte auch: „Vittha“ bedeutet „Unwissenheit“, und „la“ bedeutet: „derjenige, der empfängt“. Er heißt jeden willkommen. Er heißt euch willkommen, wie auch immer ihr seid, mit eurer Begrenzung, eurer Dunkelheit, euren teuflischen Eigenschaften, eurer dämonischen Natur, was auch immer ihr habt – Er heißt euch willkommen! Er ist wie ein Feuer, das bereit ist, euch vollständig zu läutern. Und das ist es, was Er will!

Stellt euch vor, ihr seid wie eine Motte, die in der ewigen Flamme Selbstmord begeht. Die Motte wird angezogen. Wo auch immer eine Lampe ist, Motten begehen darin Selbstmord. So ist es auch mit den Devotees. Wenn sie sich vom guru und von Gott angezogen fühlen, begehen sie „Selbstmord“, nicht den „normalen“ Suizid, sondern „Selbstmord“ auf eine göttliche Weise. Sie transformieren die Begrenzungen, die sie haben, die Art und Weise, wie sie über sich selber denken, die Art und Weise, wie sie das Leben betrachten, und sie „springen“ in das Licht Gottes und beginnen, wie das Göttliche zu strahlen.

Das ist das Licht, das ihr erstrahlen lassen müsst. Wenn man einen Devotee sieht, sieht man keine erbärmliche Person. Ein Devotee ist eine Inspiration für andere, sich zu transformieren. Stellt euch vor, jemand sieht einen unglücklichen Devotee. Glaubt ihr, dass dieser Devotee Menschen zur Veränderung inspiriert? Oder wird er sie eher flüchten lassen? Sogar Bhagavan würde weglaufen! Aber wenn man sich die Devotees ansieht, selbst wenn sie weinen… schaut euch all die großartigen    Seelen an. Sie sehnen sich nach Ihm; sie sehnen sich, weil ihr Herz nach dem Göttlichen selbst ruft, um diese Beziehung mit Ihm zu haben. Sie weinen, aber sie strahlen etwas aus. Selbst wenn sie weinen, fühlen sich die Menschen zu ihnen hingezogen. Das ist erstaunlich, nicht wahr? Seht, als Mirabai für Krishna gesungen hat, hat sie immer geweint. Chaitanya Mahaprabhu tanzte, aber er weinte immer. Doch diese Tränen sind keine Tränen der Unwissenheit. Es sind keine Tränen, die besagen: „Ich sehne mich nach etwas, das materiell ist.“ Wenn man unter Devotees ist – sie haben diese Erkenntnis und sie teilen sie. Selbst wenn sie weinen, wie ich schon sagte, sind sie dennoch anziehend, weil das atma weint – das atma! Wenn ihr euren Verstand für einen Moment ausschaltet, nur für einen Moment – ihr seid so geübt darin, den Verstand zu unterhalten -, wenn ihr nur einen Bruchteil einer Sekunde, also nicht einmal eine Sekunde, den Verstand ausschaltet und  die Stille erlebt, dann werdet ihr erkennen, wie sehr sich das atma nach Bhagavan sehnt. Und das ist es, was manchmal von innen nach außen befördert wird, deshalb hat man diese Sehnsucht. Doch dann fängt man an, darüber nachzudenken, und dann fängt der Verstand an, es zu analysieren, und … Ende, man verliert es.

Deshalb sagte Bhagavan, der guru ist bereit zu geben, aber man muss auch bereit sein, zu empfangen. Und wie kann man bereit sein, zu empfangen? Legt diesen Verstand beiseite, dann werdet Ihr weit mehr empfangen. Der guru lebt ein Leben des Dienens. Das ist etwas, was auch die Devotees verstehen müssen: Sie sind hier, um zu dienen. Und der größte Diener von allen ist der guru selbst. Er dient Bhagavan, indem Er die Menschheit daran erinnert, dass es nur ein Ziel gibt, um glücklich zu sein, und das ist, die Füße von Bhagavan selbst zu erreichen. Das bringt der guru der Menschheit. Und es ist nicht so, dass man sterben muss, um Seine Füße zu erreichen, aber man muss diesen Verstand sterben lassen, man muss diesen Verstand transformieren. Wenn ich vom Sterben spreche, dann meine ich nicht den Tod, wie ihr ihn versteht, sondern die Transformation des Geistes. Und das braucht eure Bereitschaft. Wenn keine Bereitschaft vorhanden ist, werdet ihr euch  nicht transformieren. Vielleicht verändert ihr euch für eine gewisse Zeit, und fallt dann wieder zurück. Aber wenn ihr den starken Willen zur Transformation habt, dann werdet ihr nicht mehr zurückfallen.

Das ist die seva. Wenn wir über Dienst für den guru reden, wenn ich vorhin über den Vers in der Gita gesprochen habe, in dem Bhagavan sagt: „Diene dem guru, diene dem guru…“ dann ist das nur der äußere Dienst. Was den Guru aber wirklich jubeln lässt und ihn glücklich macht, das ist wenn er sieht, dass seine Devotees und Schüler sich wirklich verändert haben, wenn diese Transformation geschieht durch das, was er gegeben hat und warum er gekommen ist.

Ich wünsche euch allen ein gesegnetes und glückliches Gurupurnima! Möge die Gnade aller gurus bei euch sein. Und nehmt diesen Segen entgegen, wo auch immer ihr seid, und bringt diese Gnade auch in die Herzen der anderen.

Jai Gurudev!

GURUPURNIMA-EINDRÜCKE

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